Dossier

Linksextremismus

Definitionen, Geschichte und Handlungsfelder

Auch wenn das Gefahrenpotenzial durch den Linksextremismus als geringer als das durch den Rechtsextremismus eingeschätzt werden kann, besteht diese Extremismusform in ganz unterschiedlichem Sinne weiterhin. Die folgenden Ausführungen beabsichtigen dazu Darstellungen und Einschätzungen vorzunehmen, wobei eine Differenzierung hinsichtlich des Gefahrenpotenzials wie der Handlungsformen nötig ist. Dies geschieht hier über kurze Abschnitte mit eigenen Überschriften, was auch eine gezielte Auswahl für die persönliche Lektüre möglich macht. 

Gleichwohl handelt es sich nicht um eine Art Lexikon mit einschlägigen Stichworten, gibt es doch eine inhaltliche Strukturierung mit einer konzeptionellen Systematisierung. So findet man zunächst Definitionen zum Linksextremismus, danach Erläuterungen zu seinen Ideologievarianten, anschließend Darstellungen und Einschätzungen von Organisationen, dann aber auch Erläuterungen zu deren Handlungsfeldern und schließlich eine Einschätzung zum Gefahrenpotenzial

zum Autor

Armin Pfahl-Traughber

Prof. Dr. phil. Armin Pfahl-Traughber ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Er lehrt an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl und ist Lehrbeauftragter an der Universität Bonn. Die Ausführungen erfolgen aus der Blickrichtung der politikwissenschaftlichen Extremismusforschung.

Definitionen und Fehldeutungen

Was versteht man unter dem Begriff „Linksextremismus“ in der Politikwissenschaft und aus Sicht der Sicherheitsbehörden? Und welche möglichen Fallstricke bietet der Begriff?

Ideologiefamilien des Linksextremismus

Anarchismus und Kommunismus

Bezogen auf die ideologische Ausrichtung lässt sich der Linksextremismus in zwei unterschiedliche Spektren unterteilen: den Anarchismus und den Kommunismus. Die erstgenannte Ausrichtung geht in ihrem Kern davon aus, dass die Institution des Staates grundsätzlich zu überwinden sei. Diese Auffassung gilt auch gegenüber einem „sozialistischen Staat“. Die freie Assoziation der jeweiligen Individuen steht bei anarchistischen Positionen im politischen Zentrum. 

Demgegenüber streben zwar die unterschiedlichen Ausrichtungen des Kommunismus ebenfalls eine klassen- und staatenlose Zukunftsgesellschaft an. Sie gehen dabei aber von einer phasenweise nötigen Existenz eines sozialistischen Staates aus. Dieser soll nach einer Revolution zunächst in einem diktatorischen Sinne bestehen. Die politischen und sozialen Gegner müssten durch einen sozialistischen Staat unterdrückt werden, während gleichzeitig durch ihn die egalitären gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine angestrebte utopische Zukunftsgesellschaft umgesetzt würden. 

 

Differenzierung von Organisationsformen und Strategien

Parteien, Bewegungen und Gruppen

Nach den Ausführungen zu definitorischen und ideologischen Gesichtspunkten soll es um die Linksextremisten eigenen Organisationsformen und Strategien gehen. Auf einer ersten Ebene wären die Parteien zu nennen. Sie werben um Mitglieder und Wählerstimmen. 

Dabei konnten sie aber in den letzten Jahrzehnten keine Erfolge verbuchen. Bundesweit gelang es ab den 1960er Jahren keiner linksextremistischen Partei, mehr als 0,3 Prozent der Stimmen zu erhalten. Daher betätigten sich deren Akteure eher in Protestbewegungen oder Vereinen. Hierfür steht die Einflussnahme auf die Friedens- oder Klimabewegung, wobei die gemeinten Organisationen nicht immer direkt als linksextremistisch wahrnehmbar waren. 

Es gab auch Aktivistengruppen im Linksextremismus, welche durch ein Agieren im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam machten. Die Autonomen können dabei als Musterbeispiel gelten, wobei sie eher als Bewegungsformation und nicht als feste Gruppe anzusehen sind. Ihr gewalttätiges Agieren schädigte häufig das öffentliche Image von Protestbewegungen. 

Exkurs: „Antideutsche“ und „Anti-Imperialisten“ als unterschiedliche Richtungen

Nicht nur bei den ideologischen Grundausrichtungen des deutschen Linksextremismus lassen sich wichtige Unterschiede konstatieren. Ähnlich verhält es sich bei einer Detailfrage, welche auf den Nahost-Konflikt bezogen ist. Denn dazu agieren „Antideutsche“ wie „Anti-Imperialisten“ unterschiedlich. Die Erstgenannten nehmen eine pro-israelische Position ein, die „Anti-Imperialisten“ weisen ein pro-palästinensisches Selbstverständnis auf. 

Die letztgenannte Auffassung dominierte lange im deutschen Linksextremismus, da Israel dem „imperialistischen“ Westen zugerechnet wurde. Demgegenüber galten die Palästinenser pauschal als „Unterdrückte“. Die „Antideutschen“ wollten sich aufgrund ihrer Feindschaft gegen den Nationalismus mit deren primärer Opfergruppe solidarisieren, womit die Juden und eben Israel gemeint waren. Bei kritischen Betrachtungen erkannte man auch antisemitische und reaktionäre Einstellungen auf arabischer bzw. palästinensischer Seite. Deren Ignoranz bei den „anti-imperialistischen“ Linksextremisten kritisierten sie. 

Allgemeine Besonderheiten linksextremistischer Gewalttaten

Besondere mediale Aufmerksamkeit finden immer wieder linksextremistische Gewalttaten, wobei diese angesichts des Endes eines ausgeprägten Linksterrorismus gegenwärtig eben als nicht-terroristische Vorkommnisse gelten. Es gibt dazu auch nur die vom Bundeskriminalamt jährlich vorgestellten Daten, die als Statistiken in den Verfassungsschutzberichten dokumentiert werden. 

Die Besonderheiten linksextremistischer Gewalttaten können bezogen auf zwei Kategorien erfasst werden: das Ausmaß an Körperverletzungen und die Opfergruppen bzw. Zielrichtungen. Für den erstgenannten Aspekt bietet sich ein vergleichender Blick auf den Rechtsextremismus an, wo die prozentualen Anteile von Körperverletzungen weitaus höher sind. Gleichwohl machen sie auch die Hälfte im Linksextremismus aus, wo es ebenfalls einzelne Akteure mit einer sehr hohen Gewaltintensität gibt. Ansonsten richten sich linksextremistische Gewalthandlungen insbesondere gegen Polizeibeamte, aber auch gegen tatsächliche oder vermeintliche Rechtsextremisten. 

Bedeutung von Handlungsfeldern im Linksextremismus

Um die gesellschaftliche Bedeutung des Linkextremismus differenziert einschätzen zu können, lohnt der Blick auf die thematischen Handlungsfelder. Gemeint sind damit bestimmte politische Fragen, die als öffentlich relevant gelten und zur politischen Mobilisierung dienen können. Dabei gibt es auch Bezüge auf reale gesellschaftliche Probleme, will man doch so in der Gesellschaft breitere Zustimmung für sich auslösen. 

Häufig geht es dabei um positiv besetzte Anliegen, die für sich allein nicht als linksextremistische Positionierungen gelten müssen, dadurch aber auch und gerade größere gesellschaftliche Zusammenhänge erreichen können. Genau dieses Agieren erlaubt es dann auch Linksextremisten, aus ihrer gesellschaftlichen Isolation heraus größere Wirkung entfalten zu können. Gleichzeitig schadet ihr Engagement einschlägigen Protestbewegungen, insbesondere wenn es um Gewalthandlungen in einem solchen Kontext geht. Die Öffentlichkeit redet dann etwa nur noch über brutale Ausschreitungen, nicht aber über legitime Protestmotive.

Linksextremistische Einstellungen in der Gesellschaft

Die vorstehenden Ausführungen haben sich auf den mehr oder weniger organisierten Linksextremismus bezogen. Das für dieses politische Lager bestehende Personenpotenzial wird gegenwärtig auf 35.000 bis 39.000 geschätzt, womit diese Anzahl noch unter der früheren DKP-Mitgliederzahl liegt, hatten sich doch in den 1970er und 1980er Jahren um die 40.000 Personen dort organisiert. Daher muss in der historischen Rückschau ein Bedeutungsverlust konstatiert werden. 

Indessen bedarf es nicht nur der Aufmerksamkeit für den organisierten Extremismus, sondern auch eines Blickes auf dessen gesellschaftliche Verankerung. Dies gilt insbesondere für einschlägige Einstellungen, worüber die empirische Sozialforschung informiert. Während es zu rechtsextremistischen Einstellungen viele Studien gibt, mangelt es an solchen zu linksextremistischen Einstellungen. Einzelne Ausnahmen kommen dabei mitunter zu irritierenden Ergebnissen, die meist mit einer kritikwürdigen bis zweifelhaften Anlage der jeweiligen Untersuchungen zusammenhängen. 

Bilanzierende Einschätzung des Gefahrenpotenzials durch den Linksextremismus

Wie lässt sich bilanzierend das Gefahrenpotenzial des Linksextremismus einschätzen? Die Antwort auf diese Frage muss differenziert anhand von Kriterien erfolgen. 

Eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz des Linksextremismus lässt sich nicht ausmachen, ansonsten müssten einschlägige Parteien größere Wahlerfolge verbuchen können. Davon kann mit dem vergleichenden Blick auf den Rechtsextremismus aktuell nicht gesprochen werden.

Gleichwohl bewegen sich Linksextremisten mitunter in Protestbewegungen mit einer gewissen Resonanz, wollen sie doch dort Brüche vertiefen und Radikalisierungen vorantreiben. Dieses Agieren beschädigt das öffentliche Ansehen der Protestbewegungen, identifiziert man sie doch mit diesem militanten Agieren und nicht mit dem eigentlichen Protestanliegen. 

Und dann bewegen sich die Zahlen zu linksextremistischen Gewalttaten auf einem relativ hohen Niveau, wenngleich dabei Körperverletzungen nicht so relevant wie im Rechtsextremismus sind. Es gibt aber auch Einzelfälle mit hoher Gewaltintensität. 

Literaturhinweise und Quellen:

Es liegt leider nur wenig Fachliteratur zum Linksextremismus vor, insofern kann hier lediglich auf zwei relativ neue Monographien mit Überblickscharakter verwiesen werden:

  • Mannewitz, Tom/Thieme, Tom: Gegen das System. Linker Extremismus in Deutschland, Bonn 2020.
  • Pfahl-Traughber, Armin: Linksextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme, 2. Auflage, Wiesbaden 2020.

Aufsätze zu aktuellen Entwicklungen findet man regelmäßig in folgenden wissenschaftlichen Jahrbüchern: 

  • Backes, Uwe u. a. (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Nomos-Verlag.
  • Hansen, Hendrik/Pfahl-Traughber, Armin (Hrsg.): Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung, Eigenverlag der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Brühl.
  • Möller, Martin H. W./Ooyen, Robert Chr. van (Hrsg.): Jahrbuch für öffentliche Sicherheit, Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt/M.

Der Verfassungsschutz informiert unter diesem Link über die Entwicklung des Linksextremismus aus Sicht der Sicherheitsbehörden. 

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