Was ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF)?

Unter dem Begriff Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, abgekürzt GMF, fasst man unterschiedliche Formen der Abwertung von konstruierten Menschengruppen zusammen. GMF beschreibt die pauschale Ablehnung einer Person oder Personengruppe allein schon deshalb, weil sie nicht zur eigenen Gruppe gerechnet wird, mithin eine fremde, eine andere Gruppe ist. 
 

Facetten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit

Die Facetten von GMF werden häufig als "Blume" dargestellt:

 

Die GMF-Facetten sind demnach:

  • Antisemitismus
  • Islamfeindlichkeit
  • Rassismus
  • Abwertung behinderter Menschen
  • Abwertung wohnungsloser Menschen
  • Abwertung von Sinti und Roma
  • Abwertung asylsuchender Menschen
  • Abwertung langzeitarbeitsloser Menschen
  • Sexismus
  • Abwertung homosexueller Menschen
  • Etabliertenvorrechte
  • Fremdenfeindlichkeit

Das Konzept Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) fußt auf einer Langzeituntersuchung der Universität Bielefeld von 2002 bis 2012. Mittlerweile wird der Forschungsansatz in den sogenannten Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung weitergeführt.

Ein wesentliches Merkmal von GMF ist, dass die Abwertungen, welche die Ungleichwertigkeit von Gruppen erzeugen, in einem sogenannten Syndrom verbunden sind. In der Wissenschaft wird GMF nicht als Phänomen, sondern vorallem als "Syndrom" bezeichnet - ein Begriff, der der Medizin entspringt und beschreibt, dass mehrere Symptome gleichzeitig auftreten: Die Ausprägungen des GMF-Syndroms hängen zusammen und haben einen gemeinsamen Kern, nämlich die Ideologie der Ungleichwertigkeit. Das bedeutet, dass eine Person, sofern sie Zustimmung zur Abwertung einer bestimmten Gruppe äußert, mit einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit dazu neigt, auch andere schwache Gruppen abzuwerten und zu diskriminieren. Bei gruppenfeindlich eingestellten Menschen sind demnach meist mehrere Facetten ausgeprägt. 

Das GMF-Konzept geht aufgrund der erhobenen Daten davon aus, dass das Syndrom nicht am Rand des politischen Spektrums zu verorten ist, sondern ein breites, in weiten Teilen der Bevölkerung geteiltes Meinungsmuster repräsentiert. Das Konzept des Syndroms GMF entwickelte maßgeblich der Bielefelder Wissenschaftler Wilhelm Heitmeyer am von ihm gegründeten Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Durch quantitative und repräsentative Einstellungsstudien untersuchte die Forschergruppe unterschiedliche Formen der Abwertung von bestimmten (konstruierten) Menschengruppen. Im Gegensatz zum Extremismusbegriff geht es Heitmeyer hierbei also nicht um die Ablehnung des demokratischen Rechtsstaats, sondern um abwertende Einstellungen. Besonders für die politische Bildung bietet dieser Ansatz durch den stärkeren Fokus auf die Einstellungsebene eine gute Alternative zum Extremismusbegriff. 


Weitere Informationen:
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - eine Einführung (kostenfreie PDF), ab S. 50. 

Studien zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland

Verlorene Mitte - Feindselige Zustände

Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/2019

Die Mitte-Studien der Universität Bielefeld und der Friedrich Ebert Stiftung gehen folgenden Fragen nach: Wie weit sind rechtsextreme und menschenfeindliche Einstellungen tatsächlich in die Mitte der Gesellschaft eingedrungen? Haben Polarisierungen und Konflikte die Norm von der Gleichwertigkeit aller Gruppen verschoben? Zentrale Ergebnisse der aktuellen Studie sind  hier zusammgefasst.

Gespaltene Mitte - Feindselige Zustände

Studie: Rechtextreme Einstellungen in Deutschland 2016

Über den Zustand rechtsextremer Einstellungen in Deutschland gibt die sogenannte "Mitte-Studie" der Friedrich-Ebert-Stiftung Auskunft. Die komplette Studie kann beim Dietz-Verlag bestellt werden, einige Ergebnisse sind hier zusammengefasst:

Zusammenfassung: Gespaltene Mitte - Feindselige Zustände

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Kritik am Konzept GMF

Kritik am G in GMF - die Gruppen
Indem das Konzept der GMF verschiedene Gruppen benennt, gegen die sich die Feindlichkeit richtet, konstruiert es sie auch. Selbstverständlich gibt es nicht "die Gruppe der Homosexuellen".

Kritik am M in GMF - die Menschen
Das auf Gruppen ausgerichtete Konzept lässt in den Hintergrund rücken, dass Feindlichkeit nicht nur gegen Menschengruppen gerichtet ist, sondern auch gegen die Art, wie bestimmte Menschen leben, gegen ihre Lebenspraxen also. Die Feindlichkeit richtet sich zum Beispiel auch gegen Religion, gegen Homosexualität, gegen Weltanschauungen.

Kritik am F in GMF  - Feindlichkeit
Das Wort "Menschenfeind" ist ein hartes Wort, das insbesondere bei Jugendlichen nicht sofort angewendet werden sollte. Diese sind beispielsweise "nur" rechtsextrem orientiert, deswegen jedoch nicht gleich ein Rechtsextremist.

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