Was ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF)?

Unter dem Begriff Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, abgekürzt GMF, fasst man unterschiedliche Formen der Abwertung von konstruierten Menschengruppen zusammen. GMF beschreibt die pauschale Ablehnung einer Person oder Personengruppe allein schon deshalb, weil sie nicht zur eigenen Gruppe gerechnet wird, mithin eine fremde, eine andere Gruppe ist.
Facetten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit
Die Facetten von GMF werden häufig als "Blume" dargestellt:

Die GMF-Facetten sind demnach:
- Antisemitismus
- Muslimfeindlichkeit
- Rassismus
- Abwertung behinderter Menschen
- Abwertung wohnungsloser Menschen
- Abwertung von Sinti und Roma
- Abwertung asylsuchender Menschen
- Abwertung langzeitarbeitsloser Menschen
- Abwertung von Trans*Menschen
- Sexismus
- Abwertung homosexueller Menschen
- Etabliertenvorrechte
- Fremdenfeindlichkeit
In der aktuellen Mitte-Studie (unter diesem Link als PDF, Seite 155) wird ein Modell mit vier Abwertungsdimensionen präsentiert. Diese vier Abwertungsmuster sind: Rassismus, Antisemitismus, Hetero-/Sexismus und Klassismus.
Das Konzept Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) fußt auf einer Langzeituntersuchung der Universität Bielefeld von 2002 bis 2012. Mittlerweile wird der Forschungsansatz in den sogenannten Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung weitergeführt.
Ein wesentliches Merkmal von GMF ist, dass die Abwertungen, welche die Ungleichwertigkeit von Gruppen erzeugen, in einem sogenannten Syndrom verbunden sind. In der Wissenschaft wird GMF nicht als Phänomen, sondern vorallem als "Syndrom" bezeichnet - ein Begriff, der der Medizin entspringt und beschreibt, dass mehrere Symptome gleichzeitig auftreten: Die Ausprägungen des GMF-Syndroms hängen zusammen und haben einen gemeinsamen Kern, nämlich die Ideologie der Ungleichwertigkeit. Das bedeutet, dass eine Person, sofern sie Zustimmung zur Abwertung einer bestimmten Gruppe äußert, mit einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit dazu neigt, auch andere schwache Gruppen abzuwerten und zu diskriminieren. Bei gruppenfeindlich eingestellten Menschen sind demnach meist mehrere Facetten ausgeprägt.
Das GMF-Konzept geht aufgrund der erhobenen Daten davon aus, dass das Syndrom nicht am Rand des politischen Spektrums zu verorten ist, sondern ein breites, in weiten Teilen der Bevölkerung geteiltes Meinungsmuster repräsentiert. Das Konzept des Syndroms GMF entwickelte maßgeblich der Bielefelder Wissenschaftler Wilhelm Heitmeyer am von ihm gegründeten Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Durch quantitative und repräsentative Einstellungsstudien untersuchte die Forschergruppe unterschiedliche Formen der Abwertung von bestimmten (konstruierten) Menschengruppen. Im Gegensatz zum Extremismusbegriff geht es Heitmeyer hierbei also nicht um die Ablehnung des demokratischen Rechtsstaats, sondern um abwertende Einstellungen. Besonders für die politische Bildung bietet dieser Ansatz durch den stärkeren Fokus auf die Einstellungsebene eine gute Alternative zum Extremismusbegriff.
Weitere Informationen:
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - eine Einführung (kostenfreie PDF), ab S. 50.
Studien zu demokratiegefährdenden Einstellungen in Deutschland
Die „Mitte-Studien“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld geben Auskunft über die Verbreitung, Entwicklung und Hintergründe rechtsextremer, menschenfeindlicher und antidemokratischer Einstellungen in Deutschland. Seit 2006 erscheint rund alle zwei Jahre eine neue Ausgabe der „Mitte-Studien“. Auf der Webseite der Friedrich-Ebert-Stiftung stehen die „Mitte-Studien“ zum kostenlosen Download bereit.
Die distanzierte Mitte – Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2023
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„Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Krisen und Konflikte distanziert sich ein deutlich größerer Anteil der Mitte der Gesellschaft von demokratischen Werten, Normen und Grundprinzipien als in den Erhebungen der Vorjahre.“ So lautet die zentrale Aussage der aktuellen „Mitte-Studie 2023“. Für komplexe Fragen der Zeit würden zunehmend einfache und autoritäre Lösungen gefordert, so die Studie. Die repräsentative Umfrage von Januar und Februar 2023 hat festgestellt, dass rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen weiter in die Mitte der Gesellschaft gerückt sind . Zentrale Ergebnisse der aktuellen Studie sind hier zusammgefasst.
Die geforderte Mitte – Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2020/21
Die geforderte Mitte – Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2020/21
„Selten war die gesellschaftliche Mitte so „gefordert“ wie heute. Rechtsextremismus, Populismus, Rassismus setzen ihr zu.“ So lautet die zentrale Aussage der aktuellen „Mitte-Studie 2020/2021“. Im untersuchten Zeitraum stellte die Corona-Pandemie eine besondere Herausforderung für die Gesellschaft und die Demokratie dar. Die repräsentative Umfrage von Dezember 2020 bis Frühjahr 2021 hat sowohl Entwicklungen ausgemacht, die die Demokratie fördern, als auch solche, die sie gefährden. Zentrale Ergebnisse der aktuellen Studie sind hier zusammgefasst.
Kritik am Konzept GMF
Kritik am G in GMF - die Gruppen
Indem das Konzept der GMF verschiedene Gruppen benennt, gegen die sich die Feindlichkeit richtet, konstruiert es sie auch. Selbstverständlich gibt es nicht "die Gruppe der Homosexuellen".
Kritik am M in GMF - die Menschen
Das auf Gruppen ausgerichtete Konzept lässt in den Hintergrund rücken, dass Feindlichkeit nicht nur gegen Menschengruppen gerichtet ist, sondern auch gegen die Art, wie bestimmte Menschen leben, gegen ihre Lebenspraxen also. Die Feindlichkeit richtet sich zum Beispiel auch gegen Religion, gegen Homosexualität, gegen Weltanschauungen.
Kritik am F in GMF - Feindlichkeit
Das Wort "Menschenfeind" ist ein hartes Wort, das insbesondere bei Jugendlichen nicht sofort angewendet werden sollte. Diese sind beispielsweise "nur" rechtsextrem orientiert, deswegen jedoch nicht gleich ein Rechtsextremist.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Rassismuskritik (PDF)
Weitere Informationen zum Thema finden Sie in unserer kostenlos herunterladbaren Dokumentation, Stuttgart 2017

